Inhalt

  • Einleitung
  • Präambel
  • Aufklärung
  • Autonomie, Fürsorge, Kommunikation
  • Patientenwürde
  • Therapieverzicht
  • Sterbebegleitung, Sterben
  • Mitglieder des Redaktionsausschusses

Benötigt ein Krankenhaus, und dann noch eines mit einer christlichen Trägerschaft, eigentlich eine Broschüre mit "Ethischen Thesen"?
Im Ethischen Arbeitskreis des St. Joseph Krankenhauses (SJK) ist darüber ausführlich diskutiert worden. Schließlich herrschte Einigkeit, daß es sinnvoll, nützlich und vor allem diskussionsfördernd sein könnte, solch eine Broschüre zur Verfügung zu haben. Die Thesen widmen sich Problemen im Zusammenhang mit der Patientenaufklärung, der Autonomie, Fürsorge und Kommunikation mit den Patienten und untereinander.

Das vorliegende Heft enthält wichtige Sätze zur Patientenwürde, beschäftigt sich mit den Problemen des Therapieverzichtes, der niemals eine Abkehr vom Patienten bedeuten darf, sondern nur eine veränderte Zuwendung, sowie mit Fragen, die mit der Sterbebegleitung und dem Tod zusammenhängen. Die gewählte Sequenz darf keinesfalls als Prioritätenliste verstanden werden.

Die sorgfältige Sichtung der Thesen, die von den Mitgliedern des Ethischen Arbeitskreises formuliert wurden, machte den Mitgliedern des Redaktionsausschusses rasch klar, dass trotz der Vielzahl inhaltliche Lücken bestehen. So fehlen ethische Aussagen zum Umgang mit Kindern in den verschiedenen Grenzsituationen ebenso wie zum Verhältnis mit geistig verwirrten Patienten, die z. B. an einer fortgeschrittenen Zerebralsklerose oder der Alzheimerschen Erkrankung leiden. Diese Defizite konnte und wollte der Redaktionsausschuss nicht kompensieren: Es ist jedoch wichtig, hervorzuheben, dass in späteren Broschüren diese Lücken ausgefüllt werden sollen. Schon hier sei festgestellt, dass die "44 Thesen" nur einen Anfang darstellen können und keinesfalls als Endpunkt der "Ethischen Fortbildung" im SJK aufzufassen sind.

Einige der aufgenommenen Thesen sind sicher hinterfragbar, ihre Bedeutung wird für manche Leserin und manchen Leser vielleicht wenig verständlich oder auch vom Inhalt nicht akzeptabel sein. Es wurde bewußt darauf verzichtet, die Thesen mit Erklärungen zu versehen, da dieses Heft nicht nur in der Absicht verfaßt worden ist, Leitlinien im Umgang mit unseren Patienten zu erstellen, sondern auch dazu dienen möge, die ethische Diskussion in unserem Krankenhaus, wo nötig, zu beginnen bzw. sie auszubauen und zum weiteren Blühen zu bringen. Diese Broschüre könnte ein Kompaß werden, um sich durch die ethischen und moralischen Probleme durchzutasten, die sich für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im medizinischen Alltag täglich in unterschiedlicher Form ergeben. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter des SJK sollte versuchen, die verfaßten Thesen umzusetzen, wo immer dies in dem persönlichen Arbeitsgebiet möglich erscheint. Dies gilt natürlich auch für jene, die nicht unmittelbar am Krankenbett wirken.

Sicher wird es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben, die das vorliegende Heft als gut und nützlich empfinden, aber schnell zum Schluß kommen, daß die tägliche Überforderung am eigenen Arbeitsplatz, die Sachzwänge sowie zeitliche und finanzielle Beschränkungen es unmöglich machen, viele der konzipierten Thesen umzusetzen. Über diese Sorgen sollte ebenso offen gesprochen werden wie über evtl. Verständnisschwierigkeiten der hier aufgeführten ethischen Aussagen. Unsere Patienten haben ein Recht, entsprechend dieser Thesen behandelt zu werden, andererseits sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des SJK wissen, daß jederzeit die Bereitschaft besteht und vorhanden ist, über eigene Limitationen und Probleme am Arbeitsplatz diskutieren zu können.

Der Redaktionsausschuss hat zwei besonders wichtige Thesen als Präambel zu diesem Heft ausgewählt; wäre es nicht schön, wenn diese zwei Thesen für alle im SJK Tätigen zu einem Leitmotiv werden könnten?


gez. Prof. Dr. med. K. Schaefer gez. Sr. M. Chiara

Präambel
Jeder Mensch hat eine unschätzbare, hohe Würde, die ihm nicht von außen (durch die Gesellschaft) oder von innen (durch seinen Charakter, seine Leistung, seine Talente usw.) zugestanden wird, sondern die er in sich trägt, weil er einzigartig und aus christlicher Sicht Abbild und Geschöpf Gottes ist. Deshalb muß ihm immer wieder mit Achtung begegnet werden.

Verhalte dich gegenüber Leidenden so, wie du es dir wünschen würdest, in ähnlicher Situation angenommen zu werden.

Aufklärung
Grundregeln für "bedeutsame" Gespräche:

 

  • ungestörte Gesprächssituation
  • Ruhe, Offenheit, auch zuzuhören
  • Blickkontakt halten
  • immer Hoffnung lassen

Jeder Patient hat das Recht, vollständig und in verständlicher Sprache über seinen gesundheitlichen Zustand aufgeklärt zu werden. Ausnahmen werden schriftlich dokumentiert.
Bei der Entscheidung über den Therapieverlauf soll an erster Stelle dem Wunsch des Patienten nachgekommen werden - dabei ist die geistige / psychische Verfassung zu berücksichtigen.
Vor wichtigen therapeutischen und diagnostischen Maßnahmen werden mit dem Patienten Alternativen und Konsequenzen erörtert.
Bei der tgl. Visite sollte der Patient über den weiteren Behandlungsvorgang informiert werden. Dabei muß auf die Verständlichkeit der Sprache geachtet werden.
Was dem Patienten mitgeteilt wird, muß stimmen. Aber es muß ihm nicht alles sofort mitgeteilt werden (dosierte Aufklärung). Dem Patienten soll Zeit gegeben werden, um die Informationen verarbeiten zu können.
Eine Information der Angehörigen über Befunde erfolgt nur nach vorangegangener Zustimmung des Patienten - sofern er bei Bewußtsein ist. Der Patient steht an erster Stelle und nicht die Angehörigen.
Der Angehörige bedarf besonderer Zuwendung, Erklärung, Tröstung.


Autonomie, Fürsorge, Kommunikation
Der Patient steht im Mittelpunkt, er ist Subjekt, nicht Objekt, primärer Adressat, seine Autonomie ist zu achten. Er sollte nicht von hierarchietypischen Mechanismen, Denkgewohnheiten und eingeschliffenen Verhaltungsmustern erdrückt werden.

Bei fehlender Zustimmungsfähigkeit (z. B. wegen Bewußtlosigkeit, Koma) gilt der mutmaßliche Wille des Patienten.
Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist komplementär (sich ergänzend), die Behandlung soll ein gemeinschaftliches Unternehmen sein.
Der Patient soll beim Treffen schwerer Entscheidungen entlastet werden.
Lerne hinhören und zuhören !
Wenn Du selbst keine Zeit hast, suche jemanden, der Dich in der Aufgabe des Zuhörens entlasten kann. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hilfs- und liebebedürftig.
Arbeit im Team mit gutem Informationsaustausch aller Beteiligten stellt eine Voraussetzung dafür dar, bei allen Patienten eine adäquate Behandlung unter Beachtung verschiedenster Bedürfnisse der Patienten durchzuführen.
Jeder Patient sollte eine Bezugsperson haben, an die er sich mit Fragen und Wünschen richten kann. Der Eindruck, niemand wisse genau Bescheid, sowie die Weitergabe von halben Informationen verunsichern und schaffen Unzufriedenheit.
Individuelle Wünsche und Bedürfnisse von Patienten sollten weitgehend berücksichtigt werden. Es sollte versucht werden, im Einzelfall angemessene Vereinbarungen zu finden, die im Team besprochen sind und getragen werden.
Den Patienten begegnen zwischen den Polen: Ethik der Fürsorge - Ethik der Autonomie.
Im Rahmen der Aufklärung des Patienten müssen die Kommunikationsmöglichkeiten im Krankenhausbetrieb verbessert werden.
Wir wünschen uns, daß die Patienten spüren können, daß die sie Pflegenden und Behandelnden in ihrem Tun vom Glauben, der Hoffnung und der Nächstenliebe getragen werden.

Patientenwürde
Als oberster Maßstab aller diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen ist die Wert- und Zielvorstellung des Patienten zu beachten. Die Sitten, Gewohnheiten und der Glaube des Einzelnen sind zu respektieren.
Nicht zu schnell ein Urteil fällen, z. B., wenn Angehörige sich entscheiden, ihre Eltern nicht zu Hause zu pflegen, sondern lieber einen Heimplatz suchen. Das persönliche Umfeld und die "Beziehungsgeschichte" der Familie sind uns häufig nicht bekannt.
Das Recht auf Privatheit muß besondere Berücksichtigung finden.
Patienten sind zu ermuntern / zu unterstützen, ihre Eigenständigkeit zu bewahren.
Jeder Patient erlebt seine Situation als Einzigartigkeit, das Personal die Situation als eine unter vielen.
Die Sicherheit für den Patienten in seiner Einzigartigkeit muß gewährleistet und für ihn transparent sein (Angst vor Verwechslung ...).
Warten produziert häufig Unsicherheit, Ungeduld und Nervosität. Unnötiges Warten sollte daher möglichst vermieden werden. Einfache Informationen oder Erklärungen wirken häufig der Angst vergessen zu werden entgegen.
Das "Du" im Patienten sehen, und sich in schwierigen Situationen immer wieder mal in seine Lage versetzen. Dabei als Person und nicht nur als Funktion für den Patienten "greifbar" sein.
In der Krankheit begreift der Mensch oft zum ersten Mal existentiell seine Begrenztheit, Zerbrechlichkeit, Endlichkeit. Alles Reden und Handeln von im Krankenhaus Tätigen soll diese Selbsterkenntnis nicht mit Illusionen überspielen, sondern, wenn möglich, zur Annahme der Endlichkeit befähigen.
Eigene bewußt gemachte Erfahrungen im Umgehen und Aushalten von Grenzen und Gefühlen verhelfen uns, dem Patienten in seinem Erleben beizustehen und ihn zu stärken.

Therapieverzicht
Wir sind nicht Herren über Leben und Tod.
Es ist möglich auf jedwede medizinische Therapie bei Patienten zu verzichten, wenn die Krankheit unverfügbar geworden ist. Niemals darf jedoch auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse (Ernährung, Reinigung, Bettung, Schmerzlinderung und menschliche Zuwendung) verzichtet werden.
Therapieverzicht setzt den ausdrücklichen Wunsch des Patienten voraus.
Beim Thema Therapieabbruch dürfen ökonomische Gründe keinen Einfluß nehmen.
Eine Entscheidung über Therapieverzicht oder -abbruch trifft nach Aufklärung der Patient, und nur in besonderen Situationen (2. Linie) werden Angehörige mit einbezogen.
Nicht immer ist vom Patienten Gesagtes wörtlich zu nehmen (z.B. Therapie-verzicht), manchmal handelt es sich eher um einen Ausdruck einer momentanen Befindlichkeit. Es ist zu prüfen, ob der Betreffende seine Meinung beibehält oder ob er sie im Laufe der Zeit ändert.
Nicht alles Machbare ist (z.B. in der Intensivmedizin) sinnvoll; auch nicht das Leben um jeden Preis verlängern zu müssen.


Sterbevegleitung, Sterben
Jeder Mensch verdient einen würdigen Tod. Es ist nicht notwendig, Schmerzen zu leiden. Ein Sterbender soll soviel Zuwendung wie möglich und gewünscht erhalten.
Der Ruf nach aktiver Sterbehilfe ist häufiger ein Hilferuf nach Beistand und besserer Umsorgung und Schmerztherapie. Er darf nicht als Legitimation oder Freibrief verstanden werden.
Für die Sterbebegleitung ist wichtig, ob der Patient den Tod als Ende des Lebens oder als Beginn eines neuen Lebens versteht. Seine Haltung ist zu respektieren und wir wollen ihm in jedem Fall Beistand anbieten.Wenn im Tod der Mensch sich von seinem Schöpfer gerufen weiß, heißt Sterbebegleitung Vorbereitung des Sterbenden auf die Begegnung mit Gott.
Gefühle zulassen dürfen, darüber im Team sprechen können, z.B. bei Trauer, weil ein Patient gestorben ist.


Die Mitglieder des Ethischen Arbeitskreises möchten unterstreichen, daß die von ihnen entwickelten Thesen für alle im St. Joseph-Krankenhaus behandelten Menschen, unabhängig von Religion, Konfession, Hautfarbe, sozialem Status, Alter oder Rasse gelten mögen.


Mitglieder des Redaktionsausschusses:

Pastorin Dorothee Bartsch,
Sr. M. Chiara (Pflegedirektorin),
Gabriela Christ (Dipl.-Sozialwirtin, Akademie für Ethik in der Medizin, Göttingen),
Schw. Daniela Sulmann (Gruppe 24)
Dr. Jeanne Faust (Ärztin),
Pastorin Marianne Ludwig,
Schw. Gabi Paschke (Gruppe 24),
Prof. Dr. Klaus Schaefer (Ehem. Ärztlicher Direktor),
Frau Beate Schneider (Sozialdienst)..