Sehr verehrte Patientin...

...wie Sie bereits wissen, befindet sich Ihr Kind in einer Beckenendlage, auch Steißlage genannt. Das ist bei 3 - 5 % aller ausgetragenen Schwangerschaften der Fall. Im Verlauf der Schwangerschaft stellt der Frauenarzt anläßlich der Mutterschafts-Vorsorge-untersuchungen wesentlich häufiger eine Beckenendlage fest. Zum Tragzeitende hin wird dann meist die Schädellage eingenommen. Die Gründe für das Ausbleiben dieser inneren Kindswendung ("Drehung") können sowohl auf Seiten der Mutter - aber auch des Kindes - liegen. In der Mehrzahl lassen sich keine Ursachen aufdecken.

Wir gehören zu den Frauenkliniken, die in der 37. Schwangerschaftswoche - also 3 Wochen vor dem Geburtstermin - bei noch nicht erfolgtem Blasensprung, bei Wehenlosigkeit, die "äußere Wendung" anbieten. Hierbei wird angestrebt das ungeborene Kind mit bestimmten Handgriffen aus der Beckenendlage um 180° zu drehen und in Schädellage zu bringen. Diese Maßnahme ist schmerzlos, wird selbstverständlich ohne Narkose ausgeführt, und ist bei uns in ca. 60 % erfolgreich.

Wenn bei Ihnen, verehrte Patientin, eine solche äußere Wendung nicht erfolgreich war oder nicht versucht wurde, so muß nun entschieden werden, ob die Entbindung durch die Scheide (also vaginal) oder durch Kaiserschnitt erfolgen soll. Wir wollen Ihnen mit diesem Informationsblatt einige Erklärungen und damit Hilfestellung geben.

Die Ansichten zum Problem "vaginale Kindsgeburt oder primärer Kaiserschnitt" bei Beckenendlage des Kindes waren in den letzten Jahrzehnten keinesfalls einheitlich. Es gab und gibt Kliniken, die vorzugsweise, d.h. ohne eigentlichen medizinischen Grund, den Kaiserschnitt empfehlen. Angeblich mindert man hiermit den Geburtsstreß für das Kind und verbessere dessen weitere Entwicklungschancen. Natürlich nimmt die Mutter dabei Risiken auf sich, die 3 - 5 mal höher sind als bei der vaginalen Kindsgeburt. Zu diesen Operationsrisiken zählen: Blutverlust mit ggfs. Notwendigkeit von Bluttransfusionen, Wundheilungsstörungen, Thrombose-Embolie, Infektionen, Spätkomplikationen durch innere Verwachsungen, erneuter Kaiserschnitt bei nachfolgender Schwangerschaft, längere stationäre Verweildauer usw..

Studien der letzten Jahre haben nun aber gezeigt, daß sich mit dem Kaiserschnitt keinesfalls grundsätzlich ein Vorteil für das Kind verbindet. Das lenkte erneut die Aufmerksamkeit auf die vaginale Entbindung. Eine Schnittentbindung muß nach Angaben des neueren Schrifttums und nach unseren eigenen langjährigen Erfahrungen begründet sein. Das ist z.B. bei einem engen mütterlichen Becken, bei unnormaler Lage des Mutterkuchens der Fall. Auch bei geplanter vaginaler Kindsgeburt wird man immer auf einen Kaiserschnitt übergehen, wenn sich z.B. Komplikationen mit Sauerstoffmangel im Kind anbahnen. Wenn aber alle Voraussetzungen für eine vaginale Kindsgeburt erfüllt sind, dann sollte nicht von vorn herein ein Kaiserschnitt gewählt werden. Der Zustand des Neugeborenen und seiner weiteren Entwicklung ist nach Kaiserschnitt nicht grundsätzlich besser als nach vaginaler Geburt. Das ist eindeutig belegt, auch wir haben diese Erfahrung gemacht.

Für die vaginale Kindsgeburt ist bei Beckenendlage allerdings ein höherer personeller, apparativer und organisatorischer Aufwand nötig als bei Schädellage. Dazu gehören z.B. die Anwesenheit mindestens eines Frauenarztes, die Bereitschaft von Kinder- und Narkosearzt, die Verfügbarkeit der Epiduralanästhesie, die grundsätzliche Ausführung eines Scheiden-Dammschnittes usw.. Alle diese und weitere Voraussetzungen sind in unserer Frauenklinik erfüllt. Deshalb prüfen wir sorgfältig, ob die normale vaginale Geburt geplant und erfolgen kann. Wir teilen Ihnen das Ergebnis unserer ärztlichen Untersuchungen mit und geben Ihnen eine korrekte Begründung für den einzuschlagenden Weg, d.h. ob die vaginale Geburt oder ein Kaiserschnitt empfehlenswert ist.

Deshalb: Führen Sie ein Gespräch mit dem diensthabenden Kreißsaal- und Oberarzt bzw. Chefarzt, um mit Zuversicht und auch innerer Sicherheit Ihrer Geburt entgegen zu sehen. Wir tun alles dafür, daß Sie mit einem gesunden Kind bald wieder nach Hause können.


Dr. M. Abou-Dakn
Chefarzt