DREI FRAGEN AN: Prof. Dr. Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe

22.10.2013

"Väter müssen sich voll und ganz auf die Zeit der Geburt einlassen"

Prof. Dr. Michael Abou-Dakn

Früher warteten die Väter vor dem Kreissaal. Heute erleben sie in der Regel die Geburt ihres Kindes hautnah mit. Ist das aus medizinischer Sicht eine sinnvolle Entwicklung?

In der Tat sind heute 96 Prozent aller Väter bei der Geburt mit dabei. Das hat sich seit den 70er Jahren zunächst langsam, seit den 80er Jahren ganz dramatisch verändert. Es gibt viele Studien, die diese Entwicklung in Deutschland und anderen westlichen Ländern belegen. Das hängt stark mit dem Feminismus zusammen, mit der Übernahme von Verantwortung für sich und den eigenen Körper. Heute wollen Frauen in erster Linie emotionale Unterstützung und Teilhabe des Partners an diesem wichtigen Ereignis der Geburt. Hier stehen partnerschaftliche und psychologische Aspekte im Vordergrund. Ein positiver medizinischer Effekt für Mutter oder Kind durch die Anwesenheit des Vaters bei der Geburt ist bisher noch nicht nachgewiesen worden.

Welche Rolle können Vater vor, während und nach der Geburt übernehmen?

Im Vorfeld sind zum Beispiel Gesundheitsaspekte sehr wichtig. Wenn es zum Beispiel darum geht, während der Schwangerschaft mit dem Rauchen oder anderen für das ungeborene Kind schädlichen Angewohnheiten aufzuhören, können Väter eine stark motivierende Rolle spielen und positiven Einfluss ausüben. Und dann haben sie natürlich ganz stark eine entlastende Funktion für den Alltag.

Während der Geburt sollten Väter akzeptieren, dass die Frau jetzt ganz bei sich ist. Sie müssen sich voll und ganz auf die Situation einlassen und dann auch mal über ihren Schatten springen. Es fällt vielen Männern schwer, insbesondere wenn sie auch beruflich in einer Entscheiderposition sind, die Dominanzrolle zu verlassen. Männer halten schlecht aus, wenn ihre Frau leidet. Sie wollen dann eingreifen und andere zum Handeln bewegen. Für viele ist es schwer auszuhalten, Abstand zu bewahren und die Entscheidungen der Frau, der Hebamme und dem ärztlichen Personal zu überlassen.

Bewährung für Väter kommt nach der Geburt

Die eigentliche Bewährung für Väter kommt nach der Geburt. Sie müssen ihrer Frau den Rücken freihalten, eigene Bedürfnisse zurückstellen und akzeptieren, dass es zunächst keine Dreierbeziehung gibt, sondern nur eine ganz innige Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind. Sie müssen sich mit Geduld und Zeit, behütend und nicht fordernd, auf diese Phase einlassen. Erst allmählich erwächst daraus eine familiäre Dreierbeziehung.

Was kennzeichnet die familienorientierte Geburtshilfe am SJK im Hinblick auf die Einbindung von Vätern?

Es gibt zum Beispiel auf unserer Wochenbettstation 13 Familienzimmer. So viele hat keine andere Klinik in Berlin. Obwohl man einen kleinen Aufpreis bezahlen muss sind diese Zimmer immer ausgebucht. Das zeigt, dass wir mit diesem familienorientierten Angebot auf dem richtigen Weg und auch Vorreiter sind. Zusätzlich bieten wir Kurse für werdende Väter an – und das auch schon seit 14 Jahren.

Wir versuchen, Väter mit den gerade beschriebenen Situationen vertraut zu machen und sie dort einzubinden, wo sie eine sinnvolle Aufgabe übernehmen können. Es hat sich gezeigt, dass Männer für gesundheitliche Aspekte, die dem Wohlergehen von Mutter und Kind dienen, sehr zugänglich sind. Und dass sie auch im Management des Alltags sehr wichtig sein können, damit sich zwischen Mutter und Kind eine harmonische Beziehung entwickeln kann. Gerade die Stillphase ist ja oftmals sehr sensibel. In unseren Kursen geht es um ein breites Spektrum, vom richtigen Verhalten in Notfällen bis hin zu Ängsten und Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Geburt oder der veränderten Partnerbeziehung. In die Kurse gehen vor allem Männer, die bereits offen sind für diese Themen. Aber zum Beispiel bei Mehrlingsgeburten kommen auch werdende Väter, von denen man es normalerweise nicht erwarten würde.