Heike Polleit über das Glück, eine Hebamme zu sein, und die Chancen des Bachelor-Studienganges

· Das ist eine große Erfüllung
Leitung des Fachbereichs Hebammenkunde

Im kommenden Wintersemester startet der dritte Ausbildungsjahrgang für junge Hebammen und Entbindungspfleger. Die Ausbildung in Kooperation zwischen der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) und dem St. Joseph Krankenhaus Berlin Tempelhof führt nach acht Semestern zum Bachelorabschluss. Bis zum 30. April können sich Interessierte bewerben. Heike Polleit, Leiterin des Fachbereichs Hebammenkunde an der Schule für Gesundheitsberufe Berlin, stellt Ausbildung, Studium und Berufsbild vor.

Was macht diesen Beruf so interessant?

Hebammen begleiten junge Frauen und Familien, wenn sich ihr Leben auf schöne Weise im Umbruch befindet. Es ist großartig, sie in dieser Zeit zu stärken, mit der neuen Situation umzugehen. Für fast jeden Menschen ist es schön, mit Neugeborenen zu tun zu haben. Als Hebammen genießen wir das jeden Tag. Bei Schwangerschaften, Geburten und familiärem Glück haben wir es mit großen Gefühlen zu tun – mit ganz großen Gefühlen. Für einen kleinen Moment sind wir Teil davon. Das kann sehr erfüllend sein.

Welche Vorteile hat es, wenn Hebammen ein Studium absolvieren statt einer herkömmlichen Berufsausbildung?

Bisher war die Ausbildung eine Sackgasse, wenn man sich beruflich oder akademisch weiterentwickeln wollte. Unser Studium dagegen eröffnet den Absolventinnen viele Wege. Der Abschluss ist international anerkannt, man kann auch im Ausland arbeiten. Man kann sich weiterqualifizieren und in der Forschung Fuß fassen. Man kann sich fachlich vertiefen oder ein Masterstudium im Gesundheitsbereich anschließen, sich in Richtung Beratung, Management oder Public Health weiterentwickeln. Insgesamt steigen die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt dadurch ganz erheblich.

Profitieren auch werdende Mütter von der Akademisierung des Berufs?

Auf jeden Fall. Die bisherige Ausbildung mit einem theoretischen Teil an der Berufsfachschule deckt den heute erforderlichen Kompetenz- und den tatsächlichen Aufgabenbereich nicht mehr adäquat ab. Eine Hebamme kann eine werdende Mutter durch alle Stadien der Schwangerschaft eigenverantwortlich begleiten, solange Mutter und Kind gesund sind. Von den Vorsorgeuntersuchungen über die Geburt bis hin zur Rückbildungsgymnastik.

Die Anforderungen einer multikulturellen Gesellschaft, die viele Familienmodelle ermöglicht, verändern auch zunehmend den Hebammenberuf. Es ist nicht mehr nur medizinisches Fachwissen gefragt, vielmehr sind  Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität, Selbstorganisation oder Unternehmerinnentum vonnöten. Auch die Geburtsmedizin hat sich in den vergangenen Jahren stark ausdifferenziert. Denken Sie nur an die pränatale Diagnostik oder die Möglichkeiten, mit Risikoschwangerschaften umzugehen. Daher sollten auch Hebammen am wissenschaftlichen Diskurs der Geburtshilfe teilhaben und auf dieselben Wissensquellen zurückgreifen wie z.B. Mediziner, Psychologinnen oder Sozialarbeiter. Schwangere Frauen benötigen gerade in dieser Zeit kompetente Ansprechpartnerinnen, die sie darin unterstützen, eigene Entscheidungen zu treffen. Dieses wissenschaftlich fundierte Wissen gepaart mit Erfahrung kommt auch den Müttern, ihren Kindern und Familien zugute.

Was muss eine angehende Hebamme oder ein angehender Entbindungspfleger für den Beruf mitbringen?

Hebammen oder Entbindungspfleger sollten Spaß daran haben, selbstständig und eigenverantwortlich zu arbeiten. Das betrifft sowohl die praktische Arbeit als auch das theoretische Selbststudium im akademischen Kontext. Für den Kontakt zu jungen Familien ist ein hoher Anspruch an die eigene Arbeit erforderlich, Mütter in allen Glücks- und Angstmomenten gewissenhaft zu begleiten. Eine gute Portion Humor im Umgang mit Familien und Kollegen schadet auch nicht. Kreativität und der Mut, Entscheidungen zu treffen sind ebenso wichtig wie die Fähigkeit, sich auf neue Teams und Kollegen aus unterschiedlichen Berufsgruppen einzustellen.

Inzwischen spricht man auch von Entbindungspflegern. Gibt es denn auch Männer, die sich für diesen Beruf interessieren?

Sehr, sehr wenige. In ganz Deutschland gibt es derzeit nur zwei oder drei Männer, die in diesem Beruf arbeiten und obwohl Männer seit 1985 als »Entbindungspfleger« zugelassen sind, bewerben sie sich bisher nicht um Ausbildungs- oder Studienplätze. Hebammenkunde hat eine lange Tradition als eigenständiger Beruf, der über Jahrhunderte nur Frauen offenstand und scheint für junge Männer offenbar noch weitgehend uninteressant zu sein. Grundsätzlich ist es jedoch vorstellbar, dass auch Männer diejenigen Kompetenzen und Qualitäten entwickeln, die sie zu guten Entbindungspflegern machen.

Pressekontakt

Corinna Riemer
Corinna Riemer
Leiterin Unternehmenskommunikation

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