Chefarzt Prof. Dr. Michael Abou-Dakn über neueste wissenschaftliche Forschungen und deren mögliche Konsequenzen

· Fachgesellschaft für Geburtshilfe empfiehlt Corona-Impfung auch für Schwangere und Stillende
Corona-Impfung auch für Schwangere und Stillende

Sollten schwangere oder stillende Frauen ebenfalls eine Covid-19-Impfung erhalten können? Bisher hat die Ständige Impfkommission (STIKO) dazu keine generelle Empfehlung abgegeben. Jetzt hat sich jedoch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), in der mehrere medizinische Fachgesellschaften zusammenarbeiten, auf der Basis von wissenschaftlichen Untersuchungen für das Impfen mit mRNA-Impfstoffen ausgesprochen.

Prof. Dr. Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe und Sektionssprecher der Arbeitsgemeinschaft Geburtshilfe und Pränatalmedizin in der DGGG, erläutert die Hintergründe. »Wir beobachten in der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung. Insbesondere im letzten Drittel der Schwangerschaft scheinen die Erkrankungen dramatischer zu verlaufen, als wir es erwartet haben. Das könnte daran liegen, dass die Lungenfunktion in den letzten Schwangerschaftswochen ohnehin beeinträchtigt ist.«

Insbesondere Frauen mit einer Vorerkrankung wie Bluthochdruck oder Diabetes Mellitus, mit Übergewicht oder älter als 35 Jahre hätten ein erhöhtes Risiko, im Fall einer Infektion schwer an Covid-19 zu erkranken. Laut Stellungnahme der DGGG müssen infizierte Schwangere häufiger auf einer Intensivstation behandelt und beatmet werden als Nicht-Schwangere. Auch komme es bei einer Covid-19-Infektion in der Schwangerschaft häufiger zu Komplikationen bis hin zu Früh- und Totgeburten. »Vor diesem Hintergrund halten wir es aus medizinischer Sicht für empfehlenswert, wenn sich schwangere oder stillende Frauen mit einem mRNA-Impfstoff impfen lassen, wie ihn die Hersteller Pfizer/BioNTech oder Moderna entwickelt haben«, erklärt Abou-Dakn.

Allerdings könne eine solche Impfung derzeit nur auf ausdrücklichen Wunsch der Frauen erfolgen, viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte lehnten es aus Haftungsgründen dennoch ab. Daher fordert Abou-Dakn: »Es ist wichtig, dass wir in Deutschland so wie in Österreich, Belgien, Großbritannien und anderen Ländern auch möglichst bald Rechtssicherheit und eine klare Empfehlung durch die STIKO bekommen.« Schwangeren Frauen mit chronischen Erkrankungen rät Abou-Dakn, sich an die entsprechende Sprechstunde im SJK zu wenden.

Amerikanische Studie mit 35.000 Datensätzen

Die wissenschaftliche Beurteilung von Nebenwirkungen einer Covid-19-Schutzimpfung bei Schwangeren und Stillenden war bisher schwierig. Denn von den Zulassungsstudien für Impfstoffe waren diese aus ethischen Gründen weltweit ausgeschlossen, um sie keinem unnötigen Risiko auszusetzen. Allerdings war jetzt in den USA doch eine Studie der Behörde für Seuchenschutz möglich, weil viele Frauen zum Zeitpunkt der Impfung noch nichts von einer Schwangerschaft wussten oder weil sie in einem Beruf mit erhöhtem Ansteckungsrisiko arbeiteten. Insgesamt flossen in die Studie Daten von 35.000 schwangeren Frauen ein, davon wurden 800 Schwangerschaften bis zu ihrem Ende wissenschaftlich begleitet. Laut Forscherteam wurde keine Häufung von Komplikationen gegenüber Ungeimpften festgestellt.

»Wir sollten mit diesen Erkenntnissen verantwortungsvoll umgehen«, meint Prof. Dr. Abou-Dakn. »Eine Impfung während der sensiblen ersten drei Monate einer Schwangerschaft ist vermutlich nicht sinnvoll. Aber zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich die Schwangerschaft stabilisiert hat, und auch während der Stillzeit, kann eine Impfung empfehlenswert sein.« Abou-Dakn rät Schwangeren, die geimpft werden wollen, das vertrauensvolle Gespräch mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt zu suchen und sich über die Fortschreibungen der Impfempfehlungen der STIKO auf dem Laufenden zu halten. Neben der Sprechstunde für Schwangere mit chronischen Erkrankungen bieten die Klinik für Geburtshilfe weitere Sprechstunden unter anderem im Rahmen von »Compass Mom« an.

Ausführlichere Informationen zu dieser Thematik finden Sie auch in einem Beitrag der Apotheken-Umschau Baby und Familie.

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