Fieber, Gewichtsverlust, mesenteriale Lymphadenopathie und die Diagnose hinter der Diagnose

Die Konstellation aus Fieber, Gewichtsverlust und mesenterialer Lymphadenopathie sollte hellhörig machen. Die Abklärung des Krankheitsbildes weist Fallstricke auf, die es zu überspringen gilt.
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Fieber, Gewichtsverlust, mesenteriale Lymphadenopathie

Ein 35-jähriger Mann stellt sich mit ungewolltem Gewichtsverlust von 16 kg in vier Monaten, subfebrilen Temperaturen und Diarrhoe vor. Bei der körperlichen Untersuchung fällt seine Kachexie (BMI: 16) und oraler Soor auf. Die Laboruntersuchungen sind bis auf eine Panzytopenie und ein CrP von 45mg/l nicht auffällig.

Der Patient hat schleichend Symptome und Zeichen entwickelt, die einzeln und zusammen an eine fortgeschrittene HIV-Infektion denken lassen müssen – eine Diagnose, die erst nach drei vorherigen Kontakten zum Gesundheitswesen gestellt wurde. Zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme lag die Zahl der CD4(+)-T-Lymphozyten bei 34/µl (Norm: 500-1.200/µl). Die Kombination aus Fieber, Gewichtsverlust, Diarrhoe, Panzytopenie und Lymphadenopathie bei schwerer zellulärer Immundefizienz lässt eine Reihe von Differential- und Paralleldiagnosen zu. Eine davon ist die nichttuberkulöse Mykobakteriose (oder atypische Mykobakteriose).

Haben Sie daran gedacht? Super. Es gilt jetzt nur noch, zwei, drei Hürden der Präanalytik zu überspringen: Ausreichend Material gewinnen, Material in die richtigen Probengefäße füllen, Material in die richtigen Labore versenden und Begleitscheine richtig ausfüllen. Klingt einfach, funktioniert aber erstaunlich oft nicht. Denn Mykobakterien sind besonders und sie wollen auch so behandelt werden. Ihren Namen haben sie von der Beobachtung, dass sie im Labor nicht wie Bakterien, sondern wie Pilze wachsen (griechisch Pilz: μύκης). Auf Grund ihrer lipidreichen Zellwand lassen sie sich mit Standardfärbungen wie Gram und HE nicht darstellen. Die mikrobiologische Anzucht erfordert spezielle Nährmedien – die perfekten Voraussetzungen für falsch-negative Ergebnisse.

Fragen Sie deshalb bitte den Pathologen nach Mykobakterien, sonst wird er vergeblich suchen. Versenden Sie zusätzlich Gewebeproben in NaCl (nicht in Formalin) in die Mikrobiologie und fordern Untersuchungen (Mikroskopie und Kultur) auf Mykobakterien an. Ohne diese expliziten Anforderungen werden Ihre kostbaren Proben nach Standard (bekannt als E+R) verarbeitet. E+R findet Mykobakterien nicht, und so geht das Material für die Diagnostik verloren.

Dr. Daniela Drauz
Fachärztin für Innere Medizin, Infektiologie
Klinik für Infektiologie

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