Die Chefärzte Dr. Schmidt und Prof. Dr. Abou-Dakn über medizinische Hilfe für die Flüchtlinge im Flughafen Tempelhof

· »Für die psychischen Nöte fehlen Zeit und Ressourcen«

Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin sowie die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe betreuen in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof hunderte von Kindern, Jugendlichen und Frauen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Die Chefärzte beider Kliniken berichten über die Arbeit vor Ort.

Wie ist die medizinische Betreuung organisiert?

Dr. Schmidt: Es gibt in der Unterkunft einen sogenannten »Medical Point«, der vom St. Joseph Krankenhaus und von Vivantes gemeinsam betrieben wird. Es ist eine Art provisorische Arztpraxis mit Räumen, die durch Stellwände voneinander getrennt sind. Dort bieten wir kinderärztliche, geburtshilfliche und gynäkologische Sprechstunden an. Für Erwachsene gibt es die von den Vivantes-Kollegen betreuten internistischen Sprechstunden. Für kranke Kinder und Jugendliche sind vier bis sechs Stunden täglich ein Arzt, eine Pflegekraft und für die organisatorische Unterstützung ein ausgebildeter Rettungssanitäter aus dem St. Joseph Krankenhaus vor Ort.

Regelmäßige Sprechstunden

Prof. Dr. Abou-Dakn: Für gynäkologische Diagnostik und Behandlung, aber auch für die Betreuung von Schwangeren bieten wir zweimal wöchentlich eine Sprechstunde auf dem Tempelhofer Feld an.

Mit welchen Krankheiten haben Sie dort typischerweise zu tun?

Dr. Schmidt: Die Kinder, die neu ankommen, haben sehr oft Läuse und Krätze. Das muss schnell diagnostiziert und behandelt werden, damit es nicht zu einer weiteren Ausbreitung kommt. Schwere Atemwegsinfektionen und Erkältungen sind ebenfalls häufig, weil das Immunsystem der Menschen durch die Strapazen der Flucht stark geschwächt ist. Außerdem führen wir – immer mittwochs – zahlreiche Impfungen durch. Syrien war früher vorbildlich in Sachen Impfschutz; seit Ausbruch des Krieges gibt es allerdings große Lücken. Wir versuchen das aufzufangen durch Vollschutzimpfungen bei allen nach 2006 Geborenen, die jetzt ohnehin eine Auffrischung ihres Impfschutzes benötigen. Das wird dankbar angenommen. Einen Masernausbruch gab es auf dem Tempelhofer Feld bisher glücklicherweise noch nicht.

Wie versorgen Sie die schwangeren Frauen möglichst optimal?

Prof. Dr. Abou-Dakn: Wir versorgen im Durchschnitt rund 80 Frauen. In Kooperation mit anderen Partnern versuchen wir, für diese Frauen und ihre Familien zunächst eine andere Unterbringung zu ermöglichen – in Wohnungen oder Wohngruppen. Gerade für Schwangere ist die Situation in den Hangars sehr belastend, weil es dort keine Intimsphäre gibt und die Bedingungen für Neugeborene problematisch sein könnten. Medizinisch haben wir es sehr oft mit nicht betreuten Schwangerschaften zu tun, das heißt wir sind immer wieder mit unentdecktem Schwangerschaftsdiabetes konfrontiert oder mit Gestosen unterschiedlicher Ausprägung – starkes Erbrechen, Bluthochdruck, schwere Wassereinlagerungen und andere Symptome. Auch erleiden überdurchschnittlich viele Frauen aufgrund der psychischen Belastungen und der fluchtbedingten Hygienemängel Fehlgeburten.

Was könnte in der medizinischen Betreuung noch besser sein?

Dr. Schmidt: Wir haben es mit einer großen Zahl traumatisierter Menschen zu tun – Jugendliche zum Beispiel, die auf der Flucht oder im Krieg beide Eltern verloren haben oder ihre Geschwister. Mit diesen psychischen Nöten muss sehr behutsam umgegangen werden, was wir Ärzte aufgrund von Sprach- und kulturellen Barrieren – wir arbeiten mit Dolmetschern – sowie fehlender Zeit und Ressourcen nicht leisten können. Für diese Menschen ist ohnehin am wichtigsten, dass sich ihre Lebensbedingungen ändern und sie so schnell wie möglich aus der Massenunterkunft ausziehen können. Sie haben dort ja nichts zu tun, können sich nicht einmal selbst um ihr Essen kümmern, wie in anderen Einrichtungen üblich ist. Dieser Leerlauf ist eine zusätzliche Belastung, denn es gibt keine Ablenkung.

Prof. Dr. Abou-Dakn: Im geburtshilflichen Bereich gestaltet sich aktuell die Versorgung durch Hebammen nach der Entbindung schwierig. Hebammen arbeiten freiberuflich und rechnen mit den Krankenkassen ab. Bei geflüchteten Frauen ist jedoch eine zusätzliche Vorab-Prüfung durch das LAGESO notwendig. Deshalb kann es sehr lange dauern, bis Hebammen ihr ohnehin nicht besonders hohes Honorar erhalten. Es ist dringend notwendig, die bürokratischen Prozesse zu beschleunigen.

Pressekontakt

Corinna Riemer
Corinna Riemer
Leiterin Unternehmenskommunikation

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